Architektenkammer

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Debatten um das Ozeaneum in Stralsund

Foto: Frank Ockert Es gibt ein breites Interesse an neuen Bauten. Über sie wird angeregt nicht nur unter Architekten diskutiert. Bisweilen schlagen die Emotionen dabei hohe Wellen. Die einen fühlen sich um die Frucht ihrer jahrelangen Arbeit betrogen, die anderen um den Anblick ihrer Stadt. Wieder andere sind schnell, vielleicht zu schnell bei flotten Sprüchen. Eine fachlich fundierte Debatte gibt es aber kaum. Wir haben mit Falk Jaeger und Ulrich Brinkmann zwei renommierte Fachkritiker gebeten, ihre kontroverse Sicht auf das Ozeaneum in Stralsund darzulegen. Wir erhoffen uns davon, die Diskussion wieder auf einer sachlichen Ebene führen zu können, auf der zu dem Gebäude auch das eine oder andere anzumerken ist.

Prolog
Seit fast einem Jahr ist das Ozeaneum des Deutschen Meeresmuseums am Stralsunder Hafen für das Publikum geöffnet und hat einer Vielzahl an Besuchern die Gelegenheit geboten, das Gebäude, seine Sammlungen und deren Präsentation zu besichtigen. (Siehe DAB-MV 08 07 und DAB-MV 08 08) Es war mit Spannung erwartet worden und von der Tagespresse mit Respekt, aber auch mit der einen oder anderen kritischen Bemerkung begrüßt worden. Wir haben an dieser Stelle intensiv über das Gebäude und die Stimmen in den überregionalen Tageszeitungen berichtet. Ein ähnliches Bild zeigte sich in der lokalen Tagespresse. Auch hier überwog der Respekt vor der großen Aufgabe, die hier umgesetzt worden war, und die hohe Erwartung, die mit dem neuen Publikumsmagneten und kulturell-wissenschaftlichem Standortfaktor verbunden wurde. Nur leise merkte die Ostseezeitung im Frühjahr 2006 an, ob die Stahlbleche nicht doch besser rot gestrichen werden sollten, damit sich der Bau in die Backsteinstadt Stralsund besser eingliedern kann. Die deutsche Fachpresse reagierte eher verhalten. Mehrseitige Berichte, mit denen andere Bauten aus dem Hause Behnisch begleitet wurden, blieben weitgehend aus. Das Ozeaneum kam über nüchterne Beschreibungen in den Magazinteilen der Fachblätter kaum hinaus. Aus Fachkreisen in Mecklenburg-Vorpommern, aber auch im Rest der Republik war neben einigen anerkennenden Stimmen auch Enttäuschung über den Neubau zu hören, aber es breitete sich eher Schweigen über den neuen Behnisch-Bau aus. Im Januar dieses Jahres brachte eine kleine Postkarte Unruhe in den Blätterwald. „Stralsunder Klorolle" war dort über einer seeseitigen Ansicht des Ozeaneums zu lesen. Der „Volksmund" hatte gesprochen und dem Neubau einen Spitznamen verpasst, wie ihn so mancher Bau vor allem in Berlin trägt. So heißt die alte Kongresshalle im Westen Berlin seit Langem „schwangere Auster" oder das noch relativ neue Bundeskanzleramt wird als „Waschtrommel" bezeichnet. In Hamburg wird eine mit Hyparschalen überdachte Badeanstalt „Schwimmoper" genannt. Zugegeben, der Vergleich mit einem stillen Örtchen ist ein wenig heftig, aber die Debatte hob erst richtig an, als die Museumsleitung rechtliche Schritte gegen die Postkartenverleger androhte. Davon hat man kluger Weise Abstand genommen, denn schon rührten sich jene Kritiker, die schon immer wussten, dass das Ozeaneum, die Stadt zerstören oder zumindest ihren Anblick schädigen würde. Es drohte ein populistisch polemischer Schlagabtausch, der sich am Ende wohl in einem allgemeinen Dreinschlagen auf die moderne Architektur geendet hätte. Ein solcher Disput kennt keine Sieger. Um eine fachlich fundierte Debatte zu eröffnen haben wir uns entschlossen, zwei renommierten Architekturkritikern das Wort zum Ozeaneum zu geben und in eine Pro- und Contra- Debatte zu treten. Falk Jaeger hat einen positiven Eindruck mit nach Berlin genommen. Ulrich Brinkmann, Redakteur der Bauwelt, sieht die Architektur des Ozeaneums kritisch und war enttäuscht nach Berlin zurückgekehrt. Nun sind Sie an der Reihe werte Leserin, wehrter Leser, auch Ihre Meinung ist gefragt.

Olaf Bartels


Pro
Historisierende Hanse-Nostalgie für die Stralsunder Hafenkante war aus dem Hause Behnisch nicht zu erwarten. Stattdessen lieferten sie eine Aufsehen erregende architektonische Skulptur mit einer weißen, offenbar von der benachbarten Werft gelieferten Stahlkarosserie, die vielfältige Assoziationen weckt. „Wasserumspülte Kieselsteine" oder „geblähte Segel" ist als Deutung zu hören. Das Haus besteht aus vier schräg angeschnittenen, unregelmäßigen Kegeln verschiedener Größe, die sich durchschneiden oder durch gläserne Verbindungsglieder verklammert sind. Inmitten einer Reihe stoisch ruhiger backsteinerner Hafenspeicher steht das dynamische Ensemble nun am Pier, wild bewegt und von den Nachbarbauten mit Unverständnis beäugt - Frank O. Gehrys Getty-Museum in Bilbao lässt grüßen. Sicher hätte das Haus als Solitär an der Spitze des Piers mehr Zustimmung gefunden denn als etwas sperrige Lückenschließung in der Hafenfront.
Im Inneren geht es nicht minder furios zu. Das Foyer, eine haushohe, gläserne Halle zwischen den „Kieselsteinen", staffelt sich nach oben und wird von Rampen und Treppen durchstoßen, mit denen man auf dem Rundgang von einem Baukörper zum anderen gelangt. Eine 31 Meter lange Rolltreppe führt hinauf zum ersten Schauraum. Immer wieder taucht man ein in die dunklen Räume mit den effektvoll beleuchteten Unterwasserwelten und tritt wieder hinaus auf die Rampen und Stege, um das architektonische Raumerlebnis und die Ausblicke auf Altstadt, Hafen und Greifswalder Bodden mit der Insel Rügen zu genießen. So entgeht der Besucher der Gefahr des Ermüdens. Die Architektur sorgt für die nötige und durchaus angenehme Abwechslung während des Rundgangs.
Ein Baukörper präsentiert auf drei Geschossen die Ausstellung der Weltmeere, ein anderer die Ostsee, etwa mit dem Blick in das Stralsunder Hafenbecken (einschließlich rostigem Fahrrad, Wrackteilen und diversem Müll), in die Seegraswiesen der südlichen Ostsee, die Kreideküste Rügens oder die Schären vor Stockholm. Höhepunkt neben den liebevoll als Dioramen von erstaunlicher Natürlichkeit gestaltet 14 Großaquarien und Superlativ zumindest für Deutschland ist das Nordseeaquarium mit 17 Metern Breite und 2600 Kubikmetern Fassungsvermögen, in dem ein Heringsschwarm, Rochen und Dornhaie ihre Kreise ziehen. Schließlich fühlt sich der Besucher im großen Saal „Riesen der Meere" in den Atlantik versetzt. Greenpeace hat die erstaunliche Walversammlung mit einem 26 Meter langen Blauwal und weiteren Meeressäuger-Modellen in Originalgröße gesponsert. Die effektvolle Deckenbeleuchtung erweckt den Anschein der bewegten, von oben sonnenbeschienenen Meeresoberfläche und die eingespielten Walgesänge erzeugen eine verblüffende Illusion; fehlte nur noch das Wasser. Das Ozeaneum sieht sich jetzt in der Liga der zehn bedeutendsten Meeresmuseen weltweit. In die Spitzengruppe der internationalen Architekturhitparade ist es nicht aufgestiegen, was zum Teil an einer zurückhaltenden Öffentlichkeitsarbeit liegen mag.

Falk Jaeger

 
Contra
Das Ozeaneum in Stralsund mag für die Stadt zweifellos ein großer Gewinn sein, und die Entscheidung, der UNESCO-Weltkulturerbestätte eine ambitionierte und dezidiert zeitgenössische Architektur hinzuzufügen, verdient in unserer retrospektiven Gegenwart alle Mal Respekt - womit zum architektonischen Rang des Gebäudes aber noch nichts gesagt ist. Dieser ist durchaus zweifelhaft. Zunächst einmal befremdet die ikonographische Unklarheit des Ozeaneums. Die drei frei geformten, von weißen Stahlblechmänteln umspielten Volumina der Ausstellung und der Aquarien bauen keinerlei Bezug auf zu dem, was das Bild der Stadt Stralsund im Allgemeineren oder die Hafenin sel im Besonderen architektonisch prägt, sie lassen nicht einmal an Architektur im eigentlichen Sinn denken. Der Betrachter kann alles mögliche assoziieren: sich blähende Segel, UBoot-Türme oder halb abgewickelte Küchenoder eben Klopapierrollen. Die Unmissverständlichkeit der benachbarten Speicher und Wohngebäude ist dem Ozeaneum jedenfalls fremd. Das gilt auch für seine Maßstäblichkeit. Wie groß das Gebäude ist, lässt sich schwer abschätzen, wenn man nur ein Foto ohne Umgebung sieht, fehlt den glatten Oberflächen doch jede Gliederung, die es dem Betrachter erlaubten, das Gebäude zu irgendeiner eigenen Erfahrung in Beziehung zu setzen. Stünde das Ozeaneum als Solitär auf einer Landzunge, der Stadt mit einigem Abstand vorgelagert - die Berechnung auf Fernansicht ginge noch an. Als Teil der Hafenfront aber, mithin als eine Art „Sockelelement" der berühmten Stralsunder Seeansicht, ist das Gebäude ein Missklang. So diffus wie die ausgelöste Assoziationskette wirken auch die Proportion der Einzelteile und deren Komposition: So steht der prinzipiell vertikalen Tendenz der Ausstellungstürme ihre horizontal dynamisierte Krümmung entgegen, und ihr Abstand zueinander wirkt wie eine Momentaufnahme, der sich schon mit dem nächsten Wimpernschlag verschieben könnte: beliebig. Unbefriedigend schließlich auch die alleinige Orientierung auf die Hafenpromenade: Der Stadt zeigt das Ozeaneum im Erdgeschoss nur fest gegossenen Beton; keinen Eingang, kein „Schaufenster" - nichts, um den Passanten anzulocken. Hat man den Eingang passiert, steht der Besucher in der gebäudehohen Eingangshalle. Sie ist entstanden, indem die drei geschlossenen Ausstellungstürme mit Glasfassaden verbunden wurden. In ihm befördert eine lange, schmale Fahrtreppe die Besucher in die oberste Ausstellungsebene - für Menschen mit Höhenangst eine das körperliche Unwohlsein mit jedem Höhenmeter steigernde Zumutung. Der Weg durch die Ausstellung nach unten lässt den Besucher immer wieder Blinzeln, werden die Augen doch immer wieder gereizt von dem starken Hell-Dunkel-Kontrast zwischen dem Inneren der Ausstellungstürme und der gläsernen Halle. Den Eindruck, dass die Exponate in irgendeiner Weise mit der Architektur eine Einheit bilden, gar von dieser inszeniert werden, drängt sich dem Besucher nirgends auf: Die „Riesen der Meere" etwa finden sich in einen von der Grundfläche her viel zu kleinen Turm gedrängt. Dass die Innenräume, so sie im vorherrschenden Dunkel denn überhaupt wahrzunehmen sind, nicht architektonisch gestaltet oder räumlich proportioniert wirken, ist - anders als beim Gebäudeäußeren - weniger problematisch: Im endlosen Meeresraum gelten keine architektonischen Regeln.
Günter Behnischs Ozeaneum - der Entwurf ist tatsächlich noch ein Werk des Vaters - wirkt wie eine gebaute Funktionsskizze. „Architektonische Skizzen" aber, so Rudolf Schwarz 1960 in seinem literarischem Vermächtnis, „gehören in den Papierkorb und nicht auf die Baustelle. Baut man sie doch, so können sie für eine Weile Erstaunen erregen. Aber ihnen fehlt die versäumte Reifung, und so zergehenund verwelken sie bald, und die Bewunderung der Welt wendet sich neueren Erfindungen zu." Für die Institution im Stralsunder Hafen dürfte das freilich kein Problem sein - die erfreulich sachliche, informative Ausstellung ist unabhängig von ihrem räumlichen Rahmen ein Besuchermagnet.

Ulrich Brinkmann

DAB MV 05/09

 
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