Eigentlich sind die Baulücken, die der Architekt Peter Grundmann in Neubrandenburg gefunden hat, gar keine. An diesen Stellen standen nie Häuser und es waren auch nie welche geplant. Es sind Restflächen, die die nur schwerfällig bewegliche Wohnungsbaumaschinerie der DDR nicht erfassen konnte und die auch bei höchstem Stadtentwicklungs- und Grundverwertungsdruck nur schwer zu bebauen sind. In Tokio war die Not, eine Bebauungslösung für solche Grundstücke zu finden so groß, dass sich aus dieser Bauaufgabe ein eigener Gebäudetyp entwickelt hat. In Neubrandenburg entstand daraus Wohnungseigentum für ein sehr schmales Budget. Um knapp 90 Quadratmeter Wohnfläche zu schaffen, wurden etwa 100.000 Euro ausgegeben. Die Grundfläche des Hauses misst gerade einmal 2,9 mal 6,7 Meter und im Erdgeschoss sind eigentlich nur der Eingang und Stauräume zu finden. Eine gewendelte Treppe führt in das eigentliche Haus: einen Kasten aus Stahlbeton, der vorne und hinten fast vollständig verglast ist. Soweit es geht, ragt er in die Lücke hinein und kragt dabei weiter aus als sein Auflager breit ist. 4,80 Meter ist das Haus breit, 11 Meter tief und 6 Meter hoch, so dass zwei Wohnebenen Platz haben. Der Bau zeugt nicht nur von innerer konstruktiver Spannung, sondern er führt auch geschickt zu einer städtebaulichen Geschlossenheit, die vor dem Bau nicht existierte. Insofern ist diese Fläche dann doch wieder eine Baulücke. Hier hat eindeutig etwas gefehlt.
Unten ist das Esszimmer mit der Küche angeordnet, von der durch einen Erker ein durch die gelb/grünen Glasscheiben eingefärbter Blick auf die Straße fällt. Daneben liegt vor dem Essraum ein großzügiger Balkon und der eigentliche Wohnraum erstreckt sich dann zum Hof. Die obere Etage teilen zwei schwere, schallschützende Vorhänge in zwei Schlafräume und eine mittlere Zone, die die Treppe, das WC und eine Badewanne aufnimmt, die von beiden Räumen aus bestiegen werden kann. Beide Zimmer haben eigene Balkone. Vorne ist er über dem Erker angeordnet. Der hintere Schlafraum hat einen eigenen Balkon, der in Format und Anordnung ein wenig wie eine Anleihe an Walter Gropius' Bauhausgebäude erinnert: quadratisch im Grundriss und letztlich nur ein Austritt. Mit Anleihen an populäre Bauten hat Peter Grundmann auch an anderen Stellen nicht gespart. Farbig verglaste Erker, die sich markant in den Straßenraum schieben, transluzente glasfaserverstärkte Balkonbrüstungen und vor dem Haus wallende Vorhänge, die die Räume im Sommer vor intensiver Sonneneinstrahlung schützen, haben japanische und niederländische Kollegen schon vor einigen Jahren benutzt und waren damit in vielen Architektur- und Lebenskulturzeitschriften vertreten. Peter Grundmann hat für solche Elemente einen neuen Kontext gefunden und so ein wenig vom Duft der großen weiten Hochglanzmagazinwelt nach Neubrandenburg gebracht.
Grundmann könnte noch mehr solcher Kleinhäuser bauen: auf Restflächen neben Feuerwehreinfahrten oder auf ehemaligen Bustaschen, die nach der Straßenbegradigung nicht mehr gebraucht werden und nun dem modernen innerstädtischen Wohnen dienen könnten. Seine Grundstückssuche sieht er auch als eine Einladung an die Jugend, wieder oder überhaupt in die Stadt zukommen und dabei zu helfen, den mittlerweile recht hohen Altersdurchschnitt in der Stadt wieder zu senken.
Olaf Bartels
DAB MV 04-09