Architektenkammer

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Gestreifte Moderne

Innerstädtisches Gymnasium Umbau und Sanierung des Rostocker Goethe-Gymnasiums
Architektengemeinschaft:
ac funck
jastram+buttler
hass+briese

Mit seinem expressiven Streifenlook und der breiten Brust des Eingangsrisaliten bildet das Goethe-Gymnasium (heute: Innerstädtisches Gymnasium) einen städtebaulichen und architektonischen Ruhepool...

...inmitten des regen Automobilverkehrs am Rand der Rostocker Innenstadt. 1927/30 wurde es nach einem Entwurf von Gustav Wilhelm Berringer (1880-1953) errichtet, der von 1924-1934 als Stadtbaurat in Rostock amtierte -  ehe er den Nationalsozialisten weichen musste. Doch in den letzten Jahrzehnten war der Umgang mit seinem Schulgebäude, das als eine Inkunabel der Rostocker Moderne gilt, vor allem durch provisorische Um- und Einbauten sowie eine Vernachlässigung der Bausubstanz geprägt. Erst nachdem das denkmalgeschützte Haus bis 2007 für 12 Millionen Euro restauriert sowie in Teilen rekonstruiert und umgebaut wurde, entfaltet es wieder alte Qualitäten und zeigt zudem neue auf. Durchgeführt wurden die Eingriffe von der „Werkgemeinschaft Goethe-Gymnasium", die sich aus den Büros Jastram und Buttler, Hass und Briese sowie dem Architekten Contor Funck zusammensetzte.

Mit dem Wechsel von waagerechten Ziegel- und Putzstreifen an der Fassade, den liegenden Fensterformaten und dem flachen Dach bezog Gustav Berringer mit seiner Schule programmatisch die Position des Neuen Bauens. Das zeigt sich auch in der Innenraumgestaltung, die neben Elementen der Neuen Sachlichkeit im Stile Max Tauts auch Motive des ausklingenden Expressionismus aufnimmt. Dazu gehörte ein heute verlorenes Wandgemälde Bruno Gimpels (1886-1943) in der Aula der Schule.

Einen besonderen Reiz entfaltet die gefühlvoll modellierte Gebäudemasse der Schule, die einen zentralen Innenhof umschließt. Durch ihre Gliederung mit Vor- und Rücksprüngen sowie durch Türme, die leicht aus der Bauflucht hervortreten, verliert der Baukörper seine Massigkeit, passt sich in die Grundstücksituation ein und gewinnt eine besondere stadträumliche Qualität. Bereits 1937/38 kam es zu einer grundlegenden Veränderung des Gebäudes: Bedingt durch Undichtigkeiten des Flachdachs fiel die Entscheidung, den Bau mit einem Walmdach zu versehen.

Die Frage der Dachform wurde auch im Vorfeld der Sanierung der Schule zwischen den am Bau Beteiligten kontrovers diskutiert, wie Maik Buttler von Jastram und Buttler schildert. Schließlich gehörte das Steildach als aussagekräftige Zeitschicht aus der NS-Zeit zum Denkmal. Doch aufgrund der notwendigen Eingriffe an den darunter liegenden erbauungszeitlichen Betondecken sowie der Schadstoffbelastung der Dachkonstruktion, die weitgehend neu hätte gebaut werden müssen, und nicht zuletzt wegen des begrenzten Budgets für die Sanierung, fiel die Entscheidung, das Flachdach zu rekonstruieren. Damit einher ging die Entscheidung, die Spange über dem Mittelrisalit des Eingangs ebenfalls neu zu bauen -  unter ihr verbergen sich heute die Überzüge, die die Statik der Auladecke stärken, sowie die Haustechnik. Ersetzt werden musste zudem die baufällige Konstruktion des gläsernen Turms auf der Hofseite des Gebäudes. Bei dessen Neubau ging jedoch leider dessen einstige Filigranität verloren. Eine Erinnerung an seine ursprüngliche Wirkung vermittelt heute noch der gläserne Vorbau am Kurhaus in Warnemünde, das ebenfalls von Berringer entworfen wurde. Neu zur Schule hinzugefügt wurde von Jastram und Buttler ein luftig-transparentes Fluchttreppenhaus, das sich harmonisch in den Bestand einfügt. Ebenfalls neu ist die Mensa im Kellergeschoss, für die der einstige Heizungskeller sowie Nebenräume umgebaut wurden. Um eine ebenerdige Anbindung an den Hof zu ermöglichen, wurde dort das Bodenniveau um rund 80 cm abgesenkt.

Im Inneren der Schule haben die Architekten spätere Einbauten entfernt und so die klare Grundrissstruktur des Gebäudes zurück gewonnen. Die Farbigkeit beruht auf restauratorischem Befund. Besonders reizvoll sind dabei die Treppen mit ihren abgerundeten Pfeilern und den Streifen der Geländer. Einen zentralen Bereich der Eingriffe bildet die Aula, die in ihrer Gesamtwirkung zurück gewonnen wurde, wenngleich auch hier das minimierte Budget Einschränkungen bei der Ausstattung mit sich brachte. Mit ihren lang gestreckten, senkrechten Fensterstreifen bildet sie zum Goetheplatz hin einen markanten Blickfang, der sich von dem Wechsel aus waagerechten Ziegelbändern und weißlich-grünem Putz abhebt. Mit der insgesamt erfolgreichen Sanierung des Denkmals Goethegymnasium hat die Moderne des 20. Jahrhunderts ihren Platz in der Hansestadt zurück gewonnen.

Jürgen Tietz
Architekturkritiker
DAB 08-09

 
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